PRESS | Die Zeit (October 9, 2003)
ICH HABE EINEN TRAUM
Deborah Harry wurde 1945 in Florida geboren und drei Monate später von Richard und Catherine Harry adoptiert. Sie wuchs in Hawthorne, New Jersey, auf. Mit 14 bleichte sie zum ersten Mal ihr Haar. Vier Jahre später zog sie nach New York, wo sie unter anderem als Kellnerin und "Playboy"-Bunny jobte. 1974 gründete sie mit ihrem damaligen Lebensgefährten Chris Stein die Band Blondie, die sie bis zur Auflösung 1982 weltweit bekannt machte. Nach einigen Soloalben und Filmrollen gelang Debbie Harry 16 Jahre später mit der Neugründung von Blondie und dem Hit "Maria" das Comeback. Soeben erschien ihr jüngstes Album "The Curse of Blondie", eine Tour folgt im November. Hier träumt sie von einem Traumhaus
Orte spielen in vielen meiner Träume eine große Rolle. Exotische Orte voller merkwürdiger Farben und Formen, oft sind es auch Häuser, weitläufige, abendlichtdurchströmte Zimmerfluchten oder seltsam verwinkelte Räume, in denen ich Nacht für Nacht in meinen Träumen umherwandere. Ich erinnere mich immer sehr deutlich an diese Träume, und wenn ich dann wach werde, habe ich tatsächlich das Gefühl, dort gewesen zu sein.
Die Grenze zwischen meinen Träumen, vor allem den Tagträumen, und der Wirklichkeit war für mich immer sehr durchlässig. Vor allem als Kind. Ich erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen einmal fest davon überzeugt war, dass mir ein aus Ziegelsteinen gemauerter Kamin im Haus meiner Eltern bedeutende mathematische Informationen mitgeteilt hat. Ich habe aufmerksam dieser Stimme gelauscht, war aber leider noch viel zu jung. Alles, was ich hörte, lag weit jenseits meiner Auffassungsgabe. Danach fühlte ich mich schrecklich, mir war, als sei mir etwas sehr Wichtiges entgangen.
Ich dachte auch eine Zeit lang, die Tochter von Marilyn Monroe zu sein. Meine Eltern hatten mich adoptiert, das wusste ich. Und ich bewunderte Marilyn, sie war alles, was ich damals sein wollte – sexy, amüsant, erfolgreich, ein Star. Und blond. Eine wunderbare Frau, vor allem in den Augen eines Teenagers. Also bastelte ich mir in meiner Vorstellung eine Beziehung zu ihr, machte sie zu meiner unbekannten leiblichen Mutter.
Auch in meinem schlimmsten Albtraum spielt ein Raum die wichtigste Rolle. Ein enger, dunkler Raum, vielleicht ein Grab oder ein Verlies. Ich bin dort eingeschlossen, finde keinen Weg hinaus, ich schreie und schlage mit meinen Fäusten gegen die Wände, bis ich irgendwann wach werde, schweißbedeckt und mit rasendem Puls. Die Vorstellung, auf engem Raum eingesperrt zu sein, macht mir auch im wachen Zustand extreme Angst. Wenn ich im Fernsehen Filme sehe, in denen jemand lebendig begraben wird, muss ich umschalten, weil ich diese Bilder nicht ertragen kann. Diese Angst begleitet mich schon seit meiner frühesten Kindheit.
Ich habe keine Ahnung, warum gerade die Träume von merkwürdigen Orten ständig wiederkehren. Vielleicht bin ich ja immer noch auf der Suche. Auf der Suche nach neuen Erfahrungen, neuen Herausforderungen. Auf der Suche nach diesem einen, dem besonderen Ort. In meinen Tagträumen liegt dieser besondere Ort am Meer. Ein kleines Haus am Strand, aus Holz vielleicht und ziemlich abgeschieden. In einer malerischen Lagune, vor der Küste Austernbänke, in denen ich nach Perlen tauche. Ich habe mir schon häufig vorgestellt, die Musik und die Schauspielerei ganz aufzugeben und meine Tage mit Surfen, Schwimmen und Schnorcheln zu verbringen. Ich liebe den Ozean, ich liebe es, darin zu schwimmen. Seine ungezähmte, wilde Kraft zu spüren. Mich in den Wellen ganz klein und unbedeutend zu fühlen. Der Ozean ist unberechenbar, eine große Herausforderung. Mal trägt und wiegt er dich, mal musst du um dein Überleben kämpfen. Das ist wunderbar und aufregend.
Ich würde auch gerne lernen zu tauchen, so richtig mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Einmal habe ich es versucht, bin aber mit dem Druckausgleich nicht zurechtgekommen. Meine Ohren schmerzten fürchterlich, ich habe Angst um mein Trommelfell bekommen und bin schnell wieder aufgetaucht. Aber ich sollte es wirklich noch einmal versuchen, ich stelle es mir großartig vor, unter Wasser zu sein. Tauchen denke ich mir wie Fliegen, mich schwerelos in alle Richtungen bewegen zu können.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich schon gemacht. Vor einigen Jahren bin ich mit einem Gleitschirm geflogen. Es war einfach herrlich, du fühlst die Hitze, die dich trägt, suchst die Aufwinde und gleitest langsam hinab ins Tal. Menschen, die wie ich extreme Drogenerfahrungen hinter sich haben, entwickeln häufig ein Faible für diese Arten von Freizeitvergnügen, vielleicht wegen des Adrenalins, das in solchen Momenten durch die Blutbahn rauscht, vielleicht, weil der Körper seine Schwere und Dominanz verliert. Oder einfach nur, weil es verdammt aufregend ist, wer weiß. Vielleicht sollte ich mir neben meinem Traumhaus am Meer auch eine Flugschanze einrichten. Für den Fall, dass das mit dem Tauchen nichts mehr wird.
Auf jeden Fall gäbe es dort auch Tiere. Unbedingt Hunde und Katzen, ein ganzes Rudel Hunde, die durch das Haus toben. Vielleicht noch eine Ziege. Meine Schwester hatte früher mal eine Ziege. Das sind sehr lustige Tiere, und sie fressen beinahe alles. Die Ziege meiner Schwester hat sogar mal einen meiner Schuhe gefressen. So eine Ziege würde die Abfallentsorgung sehr erleichtern. Vielleicht würde ich auch ein paar Schweine halten. Ich habe gehört, die seien sehr intelligent. Es würde mir Spaß machen, ihnen ein paar Tricks beizubringen.
In meinem Haus würde es wohl auch Kinder geben. Auch wenn ich es nicht mag, viel Zeit mit dem Bedauern verpasster Möglichkeiten zu verschwenden, bereue ich es doch manchmal, keine Kinder bekommen zu haben. Das sind sehr traurige Momente für mich. Aber ich habe mich in der Vergangenheit nun einmal anders entschieden. Ich muss mich manchmal selbst daran erinnern, dass die Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch oft wunderbar waren. Das tröstet mich.
Vielleicht ist ja das ganze Mutterschaftskonzept in unserer Gesellschaft falsch geregelt. Manchmal denke ich, Mädchen sollten im Alter von 13 oder 14 Jahren Kinder bekommen. Zu einer Zeit, in der du heiß bist, voller Kraft und sexueller Energie. In diesem Alter fühlst du dich den Anstrengungen der Mutterschaft am besten gewachsen, du bist so gesund und belastbar wie zu keiner anderen Zeit. Also, gründe eine Familie, bekomme alle Kinder, die du haben willst! Danach bleiben dir noch Jahrzehnte, deine intellektuellen und kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Natur hat das perfekt eingerichtet, es ergibt Sinn, dass Frauen in diesem Alter geschlechtsreif sind. Leider funktioniert unsere Gesellschaft so nicht. Als Teenager hielt ich mich für unbesiegbar und dachte, ich würde ewig leben. Leider geht dieses Gefühl irgendwann vorüber.
Letzten Endes habe ich mich gegen Kinder entschieden, weil ich in meinen Zwanzigern und Dreißigern lange unglücklich war. Von Wut beherrscht. Eine Wut, geboren aus Frustration, dem Gefühl, behindert, unterdrückt zu werden, dem Kampf um Selbstbestimmung. Diese Wut war auch einer der Gründe für meine Drogensucht.
Ich fühlte mich nicht bereit, Mutter zu sein. Meine Wut und Frustration hätten wohl auch dem Kind geschadet. Damals passten die Welt in meinem Inneren und die Welt um mich herum einfach noch nicht zusammen. Das ändert sich langsam. Mittlerweile träume ich manchmal davon, mit zwei, drei Kindern in meinem Haus am Meer zu leben und ihnen Schwimmen beizubringen. Vielleicht wird dieser Traum sogar noch wahr. Schließlich gibt es noch andere Wege als eine Geburt, wenn man gerne für Kinder sorgen möchte. Ich denke mir, das Wichtigste ist, einen passenden Lebensraum zu schaffen. Aber im Moment ist mein Leben noch zu unstet, ich bin zu viel unterwegs, auch in meinem Kopf. Und ich bin Single. Ansonsten würde ich wohl wesentlich konkreter darüber nachdenken. Kinder großziehen möchte ich nur zusammen mit einem geliebten Menschen, in der passenden Umgebung. Allerdings ist es sehr schwierig, einen Platz am Meer zu finden, wild und abgelegen, an dem du der Natur ganz nahe bist. Man müsste wahrscheinlich eine komplette Insel kaufen, und dazu fehlt mir das Geld. Also wird es möglicherweise doch ein Wunschtraum bleiben.